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Tech-Team aufbauen und skalieren

Tech-Team aufbauen und skalieren

Mit 3 Entwicklern funktioniert alles informell. Bei 10 wird es chaotisch. Bei 20 bricht es zusammen. Wenn Sie nicht rechtzeitig strukturieren.

Hier ist der Playbook für skalierbares Team-Wachstum.

Die 3 kritischen Schwellen

Schwelle 1: 3-7 Entwickler (Informalität funktioniert noch)

Struktur: Flat, jeder kennt jeden, keine festen Rollen.

Kommunikation: Ad-hoc, Slack, gelegentliche Stand-ups.

Entscheidungen: Gemeinsam oder durch Tech-Lead.

Bottleneck: Tech-Lead wird zum Blocker bei >5 Leuten.

Schwelle 2: 8-15 Entwickler (Struktur wird nötig)

Struktur: Teams bilden sich, erste feste Rollen (Frontend, Backend, DevOps).

Kommunikation: Strukturierte Meetings werden nötig, nicht jeder kennt mehr alles.

Entscheidungen: Nicht mehr im Plenum machbar.

Bottleneck: Unklare Verantwortlichkeiten, "Wer macht was?"-Chaos.

Schwelle 3: 16-25 Entwickler (Organisation ist Pflicht)

Struktur: Mehrere Teams mit klaren Bereichen, dedizierte Leads.

Kommunikation: Formale Prozesse, Dokumentation wird kritisch.

Entscheidungen: Delegation nötig, nicht alles kann zentral entschieden werden.

Bottleneck: Silos entstehen, Teams arbeiten aneinander vorbei.

Mein Tipp aus der Praxis: Die Schwelle zwischen 7 und 10 Entwicklern ist die gefährlichste. In einem Mandat dachte das Startup, sie könnten ihre informelle Kultur einfach weiterleben. Bei 12 Leuten brach das Chaos aus: unklare Verantwortlichkeiten, doppelte Arbeit, frustrierte Entwickler. Die Lösung: Wir haben sofort Team-Leads eingesetzt und Domain-Teams gebildet. Innerhalb von 4 Wochen war die Produktivität wieder da. Die Lektion: Strukturieren Sie proaktiv, nicht reaktiv.

Phase 1: Foundation (0-7 Entwickler)

Hiring-Fokus: Generalists über Specialists

Warum: Bei <7 Leuten brauchen Sie Leute, die alles können.

Red Flags beim Hiring:

  • "Ich bin React-Entwickler, Backend mache ich nicht"
  • Braucht perfekte Specs vor dem Start
  • Kann nicht selbstständig Entscheidungen treffen

Green Flags:

  • "Ich lerne, was nötig ist"
  • Fragt nach Business-Context, nicht nur nach Tech-Stack
  • Hat schonmal in kleinen Teams gearbeitet

Onboarding-Basics (Tag 1)

Minimum Viable Onboarding:

  1. Lokales Dev-Environment in <2 Stunden
  2. Code-Walkthrough mit Team (1-2 Stunden)
  3. Erste kleine Task noch am ersten Tag deployen

Dokumentation:

  • README.md mit Setup-Anleitung
  • Architecture-Overview (1 Seite reicht)
  • "How we work"-Doc (Workflow, Conventions)

Investment: 1 Tag pro neuem Developer.

Prozesse: Minimal, aber existent

Required:

  • Code-Reviews (mindestens 1 Approve vor Merge)
  • Main-Branch-Protection (kein direktes Push)
  • Daily Standup (15 Min, async ist OK)
  • Sprint-Planung alle 2 Wochen

Nice-to-have (kommt später):

  • Retros
  • Pair-Programming-Sessions
  • Tech-Talks

Phase 2: Struktur (8-15 Entwickler)

Team-Strukturierung: Skill-based vs. Domain-based

Option A: Skill-based (einfacher, aber gefährlich):

Frontend-Team (3 Leute)
Backend-Team (4 Leute)
DevOps (2 Leute)

Problem: Features brauchen alle Teams viele Abhängigkeiten.

Option B: Domain-based (besser für Scale):

Team 1: User Management & Auth (4 Leute: 2 FE, 2 BE)
Team 2: Core Product Features (4 Leute: 2 FE, 1 BE, 1 Fullstack)
Team 3: Analytics & Reporting (3 Leute: 1 FE, 2 BE)
Platform/DevOps: Shared (2 Leute)

Vorteil: Autonome Teams, End-to-End-Ownership.

Faustregel: Ab 8 Entwicklern Domain-based Teams.

Rollen einführen (nicht zu früh!)

Ab 8 Entwickler:

  • Team-Leads (1 pro Team): Technische Führung, kein People-Management (noch)
  • Tech-Lead (gesamt): Übergreifende Architektur, Standards

Ab 12 Entwickler:

  • Engineering Manager: People-Management (1-on-1s, Entwicklung, Hiring)
  • Trennung: Tech-Lead = Technology, EM = People

Fehler: Zu früh zu viele Rollen Overhead ohne Nutzen.

Hiring-Fokus: Ergänzende Spezialisierung

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für Specialists:

  • Dedizierter DevOps-Engineer (wenn nicht schon da)
  • Senior-Frontend/Backend mit Mentoring-Fähigkeiten
  • First Security-focused Engineer (wenn B2B/Enterprise)

Ratio: ~70% Generalisten, 30% Spezialisten.

Onboarding skalieren: Buddy-System

Setup:

  • Jeder neue Dev bekommt einen Buddy (erfahrenes Team-Member)
  • Buddy = First Point of Contact für 2 Wochen
  • Checklist: Tag 1, Tag 3, Woche 1, Woche 2, Woche 4

Beispiel-Checklist:

Tag 1:
- [ ] Environment Setup
- [ ] Erste Code-Change deployed

Woche 1:
- [ ] Team-Intro-Meetings
- [ ] Architektur-Walkthrough
- [ ] Erstes Feature-Ticket abgeschlossen

Woche 2:
- [ ] Code-Review gegeben
- [ ] Pair-Programming-Session
- [ ] Feedback-Gespräch mit Buddy

Woche 4:
- [ ] Selbstständiges Feature delivered
- [ ] Onboarding-Feedback-Session

Investment: 4-8 Stunden pro Buddy, aber deutlich schneller productive.

Prozesse: Dokumentation wird kritisch

Ab 10 Entwicklern:

  • Nicht mehr jeder kennt alles
  • Wissen muss dokumentiert sein
  • Onboarding ohne Documentation = unmöglich

Minimum-Dokumentation:

  • Architecture Decision Records (ADRs)
  • API-Dokumentation (automatisiert, z.B. OpenAPI)
  • Runbooks für kritische Prozesse (Deployment, Incident-Response)
  • RFCs für größere Änderungen (optional, aber empfohlen)

Tool-Tipp: Notion, Confluence, oder einfach Markdown im Repo.

Phase 3: Organisation (16-25 Entwickler)

Multi-Team-Koordination: Die Conway-Law-Falle

Conway's Law: "Organisations design systems that mirror their communication structure."

Gefahr: Teams bauen Silos Software wird Monolith oder chaotisches Micro-Service-Chaos.

Gegenmittel:

1. Shared Tech-Council (wöchentlich):

  • 1 Vertreter pro Team + CTO/Tech-Lead
  • Diskussion übergreifender Themen
  • Architektur-Entscheidungen, Standards
  • Kein Micro-Management, nur strategic stuff

2. Inner-Source-Kultur:

  • Jedes Team kann in anderen Repos beitragen
  • Cross-Team-Code-Reviews
  • Shared Libraries & Services

3. Rotation-Programme (optional):

  • Entwickler wechseln für 1-2 Monate in andere Teams
  • Wissenstransfer, Silo-Prävention

Hiring-Fokus: Seniors + Culture Fit

Ab 15 Entwicklern:

  • Sie brauchen mehr Seniors (Ratio 1:3 Senior:Junior ist gesund)
  • Seniors mentoren, treiben Standards, lösen komplexe Probleme

Culture Fit wird kritisch:

  • Bei <10 Leuten kann man "problematische" Personen aushalten
  • Bei 20 Leuten: Toxische Kultur breitet sich schnell aus
  • Lieber länger suchen als falschen Hire

Red Flags (Culture):

  • "Rockstar Developer"-Attitüde
  • Nicht teamfähig, sieht andere als inkompetent
  • Keine Feedback-Fähigkeit

Prozesse: Engineering-Management einführen

Entwickler brauchen:

  • Career-Development-Gespräche (quarterly)
  • 1-on-1s (bi-weekly)
  • Performance-Reviews (half-yearly)
  • Gehalts-/Beförderungs-Transparenz

Ohne Engineering Manager: CTO macht alles Bottleneck.

Mit Engineering Manager: CTO fokussiert auf Strategie, EM auf People.

Ratio: 1 Engineering Manager pro 6-8 Entwickler.

Die häufigsten Fehler beim Skalieren

Fehler 1: Zu spät anfangen zu strukturieren

Symptom: Bei 15 Leuten immer noch "wir regeln alles ad-hoc".

Resultat: Chaos, Burnout, Entwickler kündigen.

Fix: Spätestens bei 8 Entwicklern: Teams + Leads + Prozesse einführen.

Fehler 2: Zu viel Prozess zu früh

Symptom: Bei 5 Leuten schon Scrum Master, Daily Stand-ups, Retros, Planning-Poker.

Resultat: Overhead, Frustration, "Prozess statt Arbeit".

Fix: Lean starten, iterativ erweitern.

Fehler 3: Hiring ohne klare Bar

Symptom: "Wir brauchen jemanden, egal wen".

Resultat: Schlechte Hires, Tech Debt durch inkompetente Entwickler, Team-Frust.

Fix: Lieber langsamer wachsen mit guten Leuten als schnell mit schlechten.

Fehler 4: Keine Dokumentation

Symptom: "Alles ist im Kopf von Max".

Resultat: Max kündigt, Wissen ist weg.

Fix: Ab 10 Entwicklern: Documentation is not optional.

Fehler 5: Founders mikromanagen weiter

Symptom: CEO/CTO entscheidet jedes Tech-Detail, auch bei 20 Entwicklern.

Resultat: Bottleneck, Entwickler sind frustriert, keine Ownership.

Fix: Delegation. Trust your Leads.

Die Team-Skalierungs-Checklist

Bei 5 Entwicklern:

  • Code-Review-Prozess etabliert
  • Basic Onboarding-Dokumentation
  • Daily Standup (oder Async-Equivalent)

Bei 10 Entwicklern:

  • Teams gebildet (Domain-based empfohlen)
  • Team-Leads ernannt
  • Buddy-System für Onboarding
  • Architecture-Dokumentation vorhanden

Bei 15 Entwicklern:

  • Engineering Manager eingestellt
  • Tech-Council etabliert
  • 1-on-1-Prozess läuft
  • Inner-Source-Kultur gelebt

Bei 20 Entwicklern:

  • Mehrere autonome Teams
  • Dedizierte Leads pro Team
  • Career-Development-Framework
  • Performance-Review-Prozess

Fazit: Struktur folgt Wachstum

Team-Skalierung ist keine Rocket Science. Es ist:

  1. Timing: Prozesse einführen, bevor das Chaos kommt
  2. Balance: Nicht zu viel, nicht zu wenig Struktur
  3. People First: Gute Hires > schnelle Hires

Die Regel: Struktur sollte ermöglichen, nicht bremsen.

Wenn Ihr Team jammert "zu viele Meetings, zu viel Prozess" wahrscheinlich zu viel.

Wenn keiner weiß, wer was macht wahrscheinlich zu wenig.

Finden Sie die Balance. Iterieren Sie.

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