Strategie10 Min. Lesezeit

Die perfekte Tech-Roadmap erstellen: Ein Leitfaden für Produkt- und Tech-Teams

Die perfekte Tech-Roadmap erstellen: Ein Leitfaden für Produkt- und Tech-Teams

Eine Tech-Roadmap ist eines der wichtigsten Steuerungsinstrumente für CTOs. Sie verbindet die Unternehmensstrategie mit der technischen Umsetzung und schafft Alignment zwischen Business, Produkt und Engineering. Doch viele Roadmaps scheitern an der Realität. Dieser Leitfaden zeigt, wie Sie eine Roadmap erstellen, die tatsächlich funktioniert.

Was ist eine Tech-Roadmap?

Eine Tech-Roadmap ist ein strategisches Dokument, das:

  • Technische Initiativen über einen definierten Zeitraum plant
  • Prioritäten transparent macht
  • Abhängigkeiten zwischen Initiativen aufzeigt
  • Ressourcen und Kapazitäten berücksichtigt
  • Business-Ziele mit technischer Arbeit verknüpft

Tech-Roadmap vs. Product-Roadmap

AspektProduct-RoadmapTech-Roadmap
FokusKundenprobleme, FeaturesTechnische Initiativen
ZielgruppeProduct, Business, KundenEngineering, CTO, Board
Zeithorizont3-12 Monate6-24 Monate
InhalteUser Stories, EpicsPlattform, Infrastruktur, Tech Debt
ErfolgsmetrikBusiness KPIsTechnische KPIs (Performance, Uptime)

In der Praxis sind beide Roadmaps eng verzahnt und sollten gemeinsam geplant werden.

Die Bausteine einer Tech-Roadmap

1. Strategische Initiativen

Große technische Vorhaben mit signifikantem Impact:

  • Cloud-Migration
  • Plattform-Modernisierung
  • Neue Architektur (z.B. Microservices)
  • Security-Transformation

2. Tech Debt Reduction

Dedizierte Kapazität für den Abbau technischer Schulden:

  • Code-Refactoring
  • Dependency-Updates
  • Dokumentation
  • Test-Coverage erhöhen

3. Infrastruktur und Plattform

Investitionen in die Engineering-Plattform:

  • CI/CD-Verbesserungen
  • Developer Experience
  • Monitoring und Observability
  • Tooling

4. Enablement für Product-Roadmap

Technische Vorarbeiten, die Features ermöglichen:

  • API-Entwicklung
  • Datenmodell-Erweiterungen
  • Performance-Optimierung
  • Integrations-Capabilities

Der Roadmap-Erstellungsprozess

Schritt 1: Input sammeln (2-3 Wochen)

Interne Quellen:

  • Business-Strategie: Wohin will das Unternehmen in 1-3 Jahren?
  • Product-Roadmap: Welche Features sind geplant?
  • Engineering-Feedback: Wo sind die Pain Points?
  • Incident-Analyse: Welche Systeme verursachen Probleme?
  • Tech-Debt-Inventar: Was wurde aufgeschoben?

Externe Quellen:

  • Technologie-Trends: Was kommt auf uns zu?
  • Compliance: Neue Regularien (DSGVO, AI Act)?
  • Wettbewerb: Wo investieren andere?
  • Talent-Markt: Welche Skills werden wichtiger?

Schritt 2: Priorisierung (1 Woche)

Framework: Impact vs. Effort

Für jede potenzielle Initiative bewerten:

Impact (1-5):

  • Business Value (Umsatz, Kosten)
  • Risk Reduction (Security, Compliance)
  • Developer Productivity
  • Customer Experience

Effort (1-5):

  • Team-Größe und -Dauer
  • Komplexität
  • Abhängigkeiten
  • Risiko

Matrix:

High Impact
               │
   Quick Wins  │  Strategic
      (Do)     │   (Plan)
───────────────┼───────────────
   Fill-ins    │  Avoid/Later
 (Maybe)       │  (Backlog)
               │
          Low Impact
    Low Effort ←─────→ High Effort

Schritt 3: Sequenzierung (1 Woche)

Faktoren für die Reihenfolge:

  1. Abhängigkeiten: Was muss vorher fertig sein?
  2. Ressourcen: Welche Teams/Skills sind wann verfügbar?
  3. Business-Timing: Gibt es externe Deadlines?
  4. Risk: Riskantere Projekte früher (mehr Zeit für Anpassungen)
  5. Quick Wins: Frühe Erfolge schaffen Momentum

Schritt 4: Kapazitätsplanung

Die 70-20-10-Regel:

  • 70%: Product-Features und Business-Initiativen
  • 20%: Tech Debt und Plattform-Investitionen
  • 10%: Innovation und Experimente

Diese Verteilung kann je nach Unternehmensphase variieren:

PhaseFeaturesTech/PlattformInnovation
Startup80%15%5%
Scale-up60%30%10%
Enterprise50%40%10%
Turnaround30%60%10%

Schritt 5: Roadmap dokumentieren

Bewährte Formate:

Timeline-basiert (klassisch):

Q1 2026        Q2 2026        Q3 2026        Q4 2026
│              │              │              │
├─ Initiative A─────────────────┤
│              ├─ Initiative B───────────────────────┤
│              │              ├─ Initiative C────────┤

Now-Next-Later (agiler):

NOW (0-3 Monate)    NEXT (3-6 Monate)    LATER (6-12 Monate)
├─ Cloud Migration  ├─ API Gateway       ├─ ML Platform
├─ CI/CD v2        ├─ Monitoring v2     ├─ Event Sourcing
├─ Auth Refactor   ├─ Mobile Backend    ├─ Multi-Region

Vorteile Now-Next-Later:

  • Weniger Illusion von Präzision
  • Einfacher zu pflegen
  • Fokussiert auf die nahe Zukunft

Roadmap-Kommunikation

Zielgruppengerechte Aufbereitung

Für das Board/Management:

  • Business-Impact hervorheben
  • Investitionen und ROI
  • Risiken und Mitigationen
  • High-Level-Timeline

Für Product:

  • Enablement für Features
  • Abhängigkeiten zu Product-Roadmap
  • Shared Timelines
  • Trade-offs

Für das Engineering-Team:

  • Technische Details
  • Architektur-Entscheidungen
  • Team-Zuordnungen
  • Karriere- und Lernmöglichkeiten

Review-Rhythmus

  • Wöchentlich: Status-Update für laufende Initiativen
  • Monatlich: Roadmap-Review im Leadership-Team
  • Quartalsweise: Große Anpassungen, Re-Priorisierung
  • Jährlich: Strategische Neuausrichtung

Häufige Fehler vermeiden

Fehler 1: Feature Factory

Problem: Roadmap enthält nur Product-Features, keine Tech-Investitionen

Lösung:

  • Feste Kapazität für Tech-Arbeit reservieren
  • Tech Debt als Risiko kommunizieren
  • Nicht-funktionale Anforderungen sichtbar machen

Fehler 2: Zu granulare Planung

Problem: Detaillierte Planung für 18+ Monate

Lösung:

  • Nah: Konkret, fern: Strategisch
  • Now-Next-Later statt genaue Termine
  • Regelmäßig re-priorisieren

Fehler 3: Keine Puffer

Problem: 100% Kapazität verplant

Lösung:

  • 20-30% Puffer für Unvorhergesehenes
  • "Flex"-Slots in der Roadmap
  • Ehrliche Kommunikation über Unsicherheit

Fehler 4: Roadmap als Commitment

Problem: Roadmap wird als Vertrag gesehen

Lösung:

  • Roadmap = Plan, nicht Versprechen
  • Regelmäßige Updates und Kommunikation
  • Stakeholder in Priorisierung einbeziehen

Fehler 5: Keine Verbindung zur Strategie

Problem: Technische Initiativen ohne klaren Business-Bezug

Lösung:

  • Jede Initiative mit strategischem Ziel verknüpfen
  • "Why" immer dokumentieren
  • Regelmäßiger Abgleich mit Business-Strategie

Template: Tech-Roadmap-Initiative

Für jede Initiative auf der Roadmap:

## Initiative: [Name]

### Strategischer Kontext
- Business-Ziel: [Welches Unternehmensziel unterstützt dies?]
- Problem: [Was lösen wir?]
- Opportunity Cost: [Was passiert, wenn wir es nicht tun?]

### Scope
- In Scope: [Was ist enthalten]
- Out of Scope: [Was explizit nicht]
- Erfolgskriterien: [Woran messen wir Erfolg?]

### Aufwand und Timeline
- Geschätzte Dauer: [X Wochen/Monate]
- Team: [Welche Skills, wie viele Personen]
- Abhängigkeiten: [Andere Initiativen, externe Faktoren]

### Risiken
- [Risiko 1]: Mitigation
- [Risiko 2]: Mitigation

### Next Steps
- [ ] [Nächster konkreter Schritt]

Abschließende Gedanken

Eine gute Tech-Roadmap ist:

  • Strategisch verankert: Jede Initiative dient einem höheren Ziel
  • Realistisch: Puffer und Unsicherheit einkalkuliert
  • Kommuniziert: Alle Stakeholder kennen und verstehen sie
  • Lebendig: Regelmäßig reviewt und angepasst
  • Balanced: Features, Tech Debt und Innovation in Balance

Die perfekte Roadmap gibt es nicht. Aber eine gute Roadmap schafft Alignment, ermöglicht bessere Entscheidungen und macht technische Arbeit sichtbar und wertgeschätzt.

Haben Sie Fragen zu diesem Thema?

Lassen Sie uns in einem unverbindlichen Gespräch besprechen, wie wir Sie unterstützen können.

Kontakt aufnehmen