Diese Fallstudie dokumentiert einen 12-monatigen Interim-CTO-Einsatz bei einem deutschen B2B-SaaS-Unternehmen. Aus Vertraulichkeitsgründen sind Unternehmensname und einige Details anonymisiert. Die Kernerkenntnisse und Zahlen sind real.
Ausgangssituation
Das Unternehmen
- Branche: B2B-SaaS für Projektmanagement
- Gegründet: 2019
- Mitarbeiter: 45 (davon 12 Entwickler)
- Nutzer: 10.000 aktive Nutzer
- Finanzierung: Series A abgeschlossen, Series B in Vorbereitung
Die Herausforderung
Das Unternehmen stand vor einer kritischen Wachstumsphase:
- Skalierungsprobleme: Die Plattform wurde bei Lastspitzen instabil
- Technische Schulden: Die schnelle Entwicklung hatte ihren Preis
- Fehlende Führung: Der technische Co-Founder war zum CPO gewechselt
- Investorendruck: Series B erforderte eine skalierbare Plattform
- Team-Wachstum: Das Engineering-Team sollte von 12 auf 25 wachsen
Warum ein Interim CTO?
Die Gründer entschieden sich aus mehreren Gründen für einen Interim CTO statt einer Festanstellung:
- Zeitdruck: Die Series B war in 9 Monaten geplant
- Unsicherheit: War überhaupt ein permanenter CTO nötig?
- Spezial-Expertise: Skalierungserfahrung war gefragt
- Flexibilität: Nach der Runde könnten sich die Anforderungen ändern
Phase 1: Die ersten 30 Tage. Assessment
Woche 1-2: Zuhören und Verstehen
Aktivitäten:
- 1:1-Gespräche mit allen Entwicklern
- Sessions mit Product, Sales und Customer Success
- Analyse des bestehenden Codes und der Architektur
- Review der Incident-Historie der letzten 12 Monate
Kernerkenntnisse:
- Architektur: Monolithische Django-Anwendung, die für die aktuelle Größe nicht mehr geeignet war
- Datenbank: Single PostgreSQL-Instance als Bottleneck
- Deployment: Manuelle Deployments, keine CI/CD
- Monitoring: Nur Basis-Monitoring, reaktives Incident Management
- Team: Gute Entwickler, aber keine klaren Prozesse und Verantwortlichkeiten
Woche 3-4: Priorisierung und Roadmap
Erstellte Dokumente:
- Technical Assessment Report (15 Seiten)
- Risiko-Matrix mit priorisierten Maßnahmen
- 12-Monats-Roadmap mit Meilensteinen
- Investitionsbedarf und ROI-Projektion
Priorisierte Handlungsfelder:
| Priorität | Thema | Zeitrahmen | Impact |
|---|---|---|---|
| 1 | Stabilität und Monitoring | Monat 1-2 | Kritisch |
| 2 | CI/CD und Deployment | Monat 2-3 | Hoch |
| 3 | Datenbank-Optimierung | Monat 3-5 | Hoch |
| 4 | Team-Strukturen | Monat 2-6 | Mittel |
| 5 | Architektur-Modernisierung | Monat 4-12 | Strategisch |
| 6 | Recruiting | Monat 1-12 | Enabler |
Phase 2: Quick Wins (Monat 2-3)
Sofortmaßnahmen Stabilität
Woche 5-6: Observability
- DataDog-Integration für Application Performance Monitoring
- Structured Logging mit zentralem Log-Management
- Alerting für kritische Metriken eingerichtet
- Runbooks für die häufigsten Incidents erstellt
Ergebnis: Mean Time to Detection (MTTD) von 45 Minuten auf 5 Minuten reduziert
Woche 7-8: Performance Quick Fixes
- Database Queries optimiert (N+1 Probleme behoben)
- Caching-Layer für häufig abgerufene Daten eingeführt
- CDN für statische Assets aktiviert
- Auto-Scaling für Application Server eingerichtet
Ergebnis:
- Response Time P95 von 2.5s auf 400ms
- Uptime von 99.2% auf 99.8%
CI/CD Pipeline
Woche 9-12: Deployment-Automatisierung
- GitHub Actions Pipeline eingerichtet
- Automatisierte Tests (vorher: manuell vor Release)
- Staging-Environment für Pre-Production-Tests
- Feature Flags für kontrollierte Rollouts
Ergebnis:
- Deployment-Frequenz von 1x/Woche auf 3x/Tag
- Rollback-Zeit von 2 Stunden auf 5 Minuten
Phase 3: Skalierbare Architektur (Monat 4-8)
Datenbank-Skalierung
Monat 4-5: Read Replicas und Connection Pooling
- PostgreSQL Read Replicas für Reporting und Analytics
- PgBouncer für Connection Pooling
- Query-Optimierung für die Top-20 langsamsten Queries
Ergebnis: Datenbank-Last um 60% reduziert
Monat 6-7: Sharding-Vorbereitung
- Tenant-ID in alle relevanten Tabellen eingefügt
- Application-Layer Routing implementiert
- Migration-Scripts für zukünftiges Sharding vorbereitet
Service-Extraktion
Monat 5-8: Kritische Services extrahieren
Statt einer Big-Bang-Migration auf Microservices: gezielte Extraktion von 3 Services:
- Notification Service: E-Mail, Push, In-App-Benachrichtigungen
- File Service: Upload, Storage, Processing
- Analytics Service: Event-Tracking und Reporting
Ansatz: Strangler Fig Pattern mit API Gateway
Ergebnis:
- Diese Services können unabhängig skaliert werden
- Core-Monolith deutlich entlastet
- Neue Features in diesen Bereichen schneller umsetzbar
Phase 4: Team-Entwicklung (parallel, Monat 2-10)
Recruiting
Ziel: Team von 12 auf 25 Entwickler
Strategie:
- Employer Branding durch Tech-Blog und Konferenzen
- Strukturierter Interview-Prozess (vorher: unstrukturiert)
- Wettbewerbsfähige Gehälter nach Markt-Benchmarking
- Remote-First-Ansatz für größeren Talent-Pool
Ergebnis nach 10 Monaten:
- 18 neue Entwickler eingestellt (netto +13 nach Fluktuation)
- Time-to-Hire von 12 Wochen auf 6 Wochen
- Offer-Acceptance-Rate von 60% auf 85%
Team-Strukturen
Monat 4-6: Vom Feature-Team zum Platform-Team-Modell
Neue Struktur:
- 2 Product-Teams: Fokus auf Endnutzer-Features
- 1 Platform-Team: Infrastruktur, DevOps, Shared Services
- 1 Data-Team: Analytics, Reporting, ML-Experimente
Eingeführte Prozesse:
- Wöchentliche Tech-Leads-Meetings
- Architecture Decision Records (ADRs)
- Tech-Debt-Sprints (1 Sprint pro Quartal)
- Blameless Post-Mortems
Engineering-Kultur
Etablierte Praktiken:
- Code Reviews (vorher: optional, jetzt: mandatory)
- Pair Programming für komplexe Aufgaben
- Tech-Talks (zweiwöchentlich)
- Dokumentationsstandards
Phase 5: Übergabe und Abschluss (Monat 10-12)
Vorbereitung auf Series B
Monat 10-11: Tech Due Diligence Support
- Technical Documentation für Investoren erstellt
- Due-Diligence-Sessions mit VC-Tech-Teams begleitet
- Fragen zu Skalierbarkeit, Security, Team überzeugend beantwortet
Ergebnis: Series B erfolgreich abgeschlossen
Nachfolger-Suche
Monat 9-12: Permanenten CTO finden
- Anforderungsprofil basierend auf der neuen Phase definiert
- Kandidaten vorausgewählt und interviewt
- Übergabe-Plan mit 4-wöchiger Overlap-Phase
Ergebnis: Permanenter CTO ab Monat 13 an Bord
Dokumentation und Wissenstransfer
- Architektur-Dokumentation aktualisiert
- Runbooks für alle kritischen Prozesse
- 30-60-90-Tage-Plan für den Nachfolger
- Offene Themen und Empfehlungen dokumentiert
Ergebnisse nach 12 Monaten
Quantitative Ergebnisse
| Metrik | Vorher | Nachher | Verbesserung |
|---|---|---|---|
| Aktive Nutzer | 10.000 | 85.000 | +750% |
| Uptime | 99.2% | 99.95% | +0.75pp |
| Response Time (P95) | 2.5s | 300ms | -88% |
| Deployment-Frequenz | 1x/Woche | 3x/Tag | +21x |
| MTTR | 4h | 20min | -92% |
| Team-Größe | 12 | 25 | +108% |
| Tech Debt Ratio | 35% | 18% | -17pp |
Qualitative Ergebnisse
- Series B: 15 Mio. EUR erfolgreich raised
- Team-Zufriedenheit: eNPS von 12 auf 45
- Produkt-Velocity: Feature-Delivery um 150% gestiegen
- Architektur: Bereit für nächste Wachstumsphase (bis 500.000 Nutzer)
Lessons Learned
Was gut funktioniert hat
- Quick Wins zuerst: Die schnellen Verbesserungen bei Stabilität haben Vertrauen geschaffen
- Data-Driven Decisions: Jede Maßnahme mit Metriken untermauert
- Team-Fokus: Gute Leute einstellen und befähigen war wichtiger als jede technische Maßnahme
- Pragmatismus: Keine Perfektion, sondern "good enough" für die aktuelle Phase
Was wir anders machen würden
- Früher dokumentieren: Technische Dokumentation von Anfang an pflegen
- Mehr Pair Programming: Schnellerer Wissenstransfer möglich gewesen
- Platform-Team früher: Die Investition in Infrastruktur hätte früher kommen können
Rechenbeispiel: ROI eines Interim CTO
Szenario: Mittelständisches Unternehmen, 1.000 Mitarbeiter
| Position | Kosten |
|---|---|
| Interim CTO (6 Monate, 3 Tage/Woche) | 115.200 EUR |
| Projektbudget (Tools, Cloud, externe Unterstützung) | 50.000 EUR |
| Gesamtinvestition | 165.200 EUR |
Erzielte Einsparungen (Jahr 1):
- Automatisierte Dokumentenverarbeitung: 120.000 EUR/Jahr
- Reduzierte Fehlerkosten: 45.000 EUR/Jahr
- ROI im ersten Jahr: 0% (Break-even)
- ROI ab Jahr 2: +100% jährlich
Hinweis: Basierend auf anonymisierten Projektdaten aus meiner Beratungspraxis.
Mein Rat
Dieser Einsatz zeigt, was ein Interim CTO in einer kritischen Wachstumsphase bewirken kann:
- Schnelle Stabilisierung der Plattform für weiteres Wachstum
- Aufbau skalierbarer Strukturen (technisch und organisatorisch)
- Ermöglichung der Series B durch Due-Diligence-reife Technologie
- Nachhaltiger Wissenstransfer an das Team und den Nachfolger
Ein Interim CTO ist keine Notlösung, sondern kann genau die richtige Wahl für Unternehmen in Transformation sein.
