Fallstudien15 Min. Lesezeit

Fallstudie: Wie ein Interim CTO die Tech-Plattform eines SaaS-Unternehmens skalierte

Fallstudie: Wie ein Interim CTO die Tech-Plattform eines SaaS-Unternehmens skalierte

Diese Fallstudie dokumentiert einen 12-monatigen Interim-CTO-Einsatz bei einem deutschen B2B-SaaS-Unternehmen. Aus Vertraulichkeitsgründen sind Unternehmensname und einige Details anonymisiert. Die Kernerkenntnisse und Zahlen sind real.

Ausgangssituation

Das Unternehmen

  • Branche: B2B-SaaS für Projektmanagement
  • Gegründet: 2019
  • Mitarbeiter: 45 (davon 12 Entwickler)
  • Nutzer: 10.000 aktive Nutzer
  • Finanzierung: Series A abgeschlossen, Series B in Vorbereitung

Die Herausforderung

Das Unternehmen stand vor einer kritischen Wachstumsphase:

  • Skalierungsprobleme: Die Plattform wurde bei Lastspitzen instabil
  • Technische Schulden: Die schnelle Entwicklung hatte ihren Preis
  • Fehlende Führung: Der technische Co-Founder war zum CPO gewechselt
  • Investorendruck: Series B erforderte eine skalierbare Plattform
  • Team-Wachstum: Das Engineering-Team sollte von 12 auf 25 wachsen

Warum ein Interim CTO?

Die Gründer entschieden sich aus mehreren Gründen für einen Interim CTO statt einer Festanstellung:

  1. Zeitdruck: Die Series B war in 9 Monaten geplant
  2. Unsicherheit: War überhaupt ein permanenter CTO nötig?
  3. Spezial-Expertise: Skalierungserfahrung war gefragt
  4. Flexibilität: Nach der Runde könnten sich die Anforderungen ändern

Phase 1: Die ersten 30 Tage. Assessment

Woche 1-2: Zuhören und Verstehen

Aktivitäten:

  • 1:1-Gespräche mit allen Entwicklern
  • Sessions mit Product, Sales und Customer Success
  • Analyse des bestehenden Codes und der Architektur
  • Review der Incident-Historie der letzten 12 Monate

Kernerkenntnisse:

  1. Architektur: Monolithische Django-Anwendung, die für die aktuelle Größe nicht mehr geeignet war
  2. Datenbank: Single PostgreSQL-Instance als Bottleneck
  3. Deployment: Manuelle Deployments, keine CI/CD
  4. Monitoring: Nur Basis-Monitoring, reaktives Incident Management
  5. Team: Gute Entwickler, aber keine klaren Prozesse und Verantwortlichkeiten

Woche 3-4: Priorisierung und Roadmap

Erstellte Dokumente:

  • Technical Assessment Report (15 Seiten)
  • Risiko-Matrix mit priorisierten Maßnahmen
  • 12-Monats-Roadmap mit Meilensteinen
  • Investitionsbedarf und ROI-Projektion

Priorisierte Handlungsfelder:

PrioritätThemaZeitrahmenImpact
1Stabilität und MonitoringMonat 1-2Kritisch
2CI/CD und DeploymentMonat 2-3Hoch
3Datenbank-OptimierungMonat 3-5Hoch
4Team-StrukturenMonat 2-6Mittel
5Architektur-ModernisierungMonat 4-12Strategisch
6RecruitingMonat 1-12Enabler

Phase 2: Quick Wins (Monat 2-3)

Sofortmaßnahmen Stabilität

Woche 5-6: Observability

  • DataDog-Integration für Application Performance Monitoring
  • Structured Logging mit zentralem Log-Management
  • Alerting für kritische Metriken eingerichtet
  • Runbooks für die häufigsten Incidents erstellt

Ergebnis: Mean Time to Detection (MTTD) von 45 Minuten auf 5 Minuten reduziert

Woche 7-8: Performance Quick Fixes

  • Database Queries optimiert (N+1 Probleme behoben)
  • Caching-Layer für häufig abgerufene Daten eingeführt
  • CDN für statische Assets aktiviert
  • Auto-Scaling für Application Server eingerichtet

Ergebnis:

  • Response Time P95 von 2.5s auf 400ms
  • Uptime von 99.2% auf 99.8%

CI/CD Pipeline

Woche 9-12: Deployment-Automatisierung

  • GitHub Actions Pipeline eingerichtet
  • Automatisierte Tests (vorher: manuell vor Release)
  • Staging-Environment für Pre-Production-Tests
  • Feature Flags für kontrollierte Rollouts

Ergebnis:

  • Deployment-Frequenz von 1x/Woche auf 3x/Tag
  • Rollback-Zeit von 2 Stunden auf 5 Minuten

Phase 3: Skalierbare Architektur (Monat 4-8)

Datenbank-Skalierung

Monat 4-5: Read Replicas und Connection Pooling

  • PostgreSQL Read Replicas für Reporting und Analytics
  • PgBouncer für Connection Pooling
  • Query-Optimierung für die Top-20 langsamsten Queries

Ergebnis: Datenbank-Last um 60% reduziert

Monat 6-7: Sharding-Vorbereitung

  • Tenant-ID in alle relevanten Tabellen eingefügt
  • Application-Layer Routing implementiert
  • Migration-Scripts für zukünftiges Sharding vorbereitet

Service-Extraktion

Monat 5-8: Kritische Services extrahieren

Statt einer Big-Bang-Migration auf Microservices: gezielte Extraktion von 3 Services:

  1. Notification Service: E-Mail, Push, In-App-Benachrichtigungen
  2. File Service: Upload, Storage, Processing
  3. Analytics Service: Event-Tracking und Reporting

Ansatz: Strangler Fig Pattern mit API Gateway

Ergebnis:

  • Diese Services können unabhängig skaliert werden
  • Core-Monolith deutlich entlastet
  • Neue Features in diesen Bereichen schneller umsetzbar

Phase 4: Team-Entwicklung (parallel, Monat 2-10)

Recruiting

Ziel: Team von 12 auf 25 Entwickler

Strategie:

  • Employer Branding durch Tech-Blog und Konferenzen
  • Strukturierter Interview-Prozess (vorher: unstrukturiert)
  • Wettbewerbsfähige Gehälter nach Markt-Benchmarking
  • Remote-First-Ansatz für größeren Talent-Pool

Ergebnis nach 10 Monaten:

  • 18 neue Entwickler eingestellt (netto +13 nach Fluktuation)
  • Time-to-Hire von 12 Wochen auf 6 Wochen
  • Offer-Acceptance-Rate von 60% auf 85%

Team-Strukturen

Monat 4-6: Vom Feature-Team zum Platform-Team-Modell

Neue Struktur:

  • 2 Product-Teams: Fokus auf Endnutzer-Features
  • 1 Platform-Team: Infrastruktur, DevOps, Shared Services
  • 1 Data-Team: Analytics, Reporting, ML-Experimente

Eingeführte Prozesse:

  • Wöchentliche Tech-Leads-Meetings
  • Architecture Decision Records (ADRs)
  • Tech-Debt-Sprints (1 Sprint pro Quartal)
  • Blameless Post-Mortems

Engineering-Kultur

Etablierte Praktiken:

  • Code Reviews (vorher: optional, jetzt: mandatory)
  • Pair Programming für komplexe Aufgaben
  • Tech-Talks (zweiwöchentlich)
  • Dokumentationsstandards

Phase 5: Übergabe und Abschluss (Monat 10-12)

Vorbereitung auf Series B

Monat 10-11: Tech Due Diligence Support

  • Technical Documentation für Investoren erstellt
  • Due-Diligence-Sessions mit VC-Tech-Teams begleitet
  • Fragen zu Skalierbarkeit, Security, Team überzeugend beantwortet

Ergebnis: Series B erfolgreich abgeschlossen

Nachfolger-Suche

Monat 9-12: Permanenten CTO finden

  • Anforderungsprofil basierend auf der neuen Phase definiert
  • Kandidaten vorausgewählt und interviewt
  • Übergabe-Plan mit 4-wöchiger Overlap-Phase

Ergebnis: Permanenter CTO ab Monat 13 an Bord

Dokumentation und Wissenstransfer

  • Architektur-Dokumentation aktualisiert
  • Runbooks für alle kritischen Prozesse
  • 30-60-90-Tage-Plan für den Nachfolger
  • Offene Themen und Empfehlungen dokumentiert

Ergebnisse nach 12 Monaten

Quantitative Ergebnisse

MetrikVorherNachherVerbesserung
Aktive Nutzer10.00085.000+750%
Uptime99.2%99.95%+0.75pp
Response Time (P95)2.5s300ms-88%
Deployment-Frequenz1x/Woche3x/Tag+21x
MTTR4h20min-92%
Team-Größe1225+108%
Tech Debt Ratio35%18%-17pp

Qualitative Ergebnisse

  • Series B: 15 Mio. EUR erfolgreich raised
  • Team-Zufriedenheit: eNPS von 12 auf 45
  • Produkt-Velocity: Feature-Delivery um 150% gestiegen
  • Architektur: Bereit für nächste Wachstumsphase (bis 500.000 Nutzer)

Lessons Learned

Was gut funktioniert hat

  1. Quick Wins zuerst: Die schnellen Verbesserungen bei Stabilität haben Vertrauen geschaffen
  2. Data-Driven Decisions: Jede Maßnahme mit Metriken untermauert
  3. Team-Fokus: Gute Leute einstellen und befähigen war wichtiger als jede technische Maßnahme
  4. Pragmatismus: Keine Perfektion, sondern "good enough" für die aktuelle Phase

Was wir anders machen würden

  1. Früher dokumentieren: Technische Dokumentation von Anfang an pflegen
  2. Mehr Pair Programming: Schnellerer Wissenstransfer möglich gewesen
  3. Platform-Team früher: Die Investition in Infrastruktur hätte früher kommen können

Rechenbeispiel: ROI eines Interim CTO

Szenario: Mittelständisches Unternehmen, 1.000 Mitarbeiter

PositionKosten
Interim CTO (6 Monate, 3 Tage/Woche)115.200 EUR
Projektbudget (Tools, Cloud, externe Unterstützung)50.000 EUR
Gesamtinvestition165.200 EUR

Erzielte Einsparungen (Jahr 1):

  • Automatisierte Dokumentenverarbeitung: 120.000 EUR/Jahr
  • Reduzierte Fehlerkosten: 45.000 EUR/Jahr
  • ROI im ersten Jahr: 0% (Break-even)
  • ROI ab Jahr 2: +100% jährlich

Hinweis: Basierend auf anonymisierten Projektdaten aus meiner Beratungspraxis.

Mein Rat

Dieser Einsatz zeigt, was ein Interim CTO in einer kritischen Wachstumsphase bewirken kann:

  • Schnelle Stabilisierung der Plattform für weiteres Wachstum
  • Aufbau skalierbarer Strukturen (technisch und organisatorisch)
  • Ermöglichung der Series B durch Due-Diligence-reife Technologie
  • Nachhaltiger Wissenstransfer an das Team und den Nachfolger

Ein Interim CTO ist keine Notlösung, sondern kann genau die richtige Wahl für Unternehmen in Transformation sein.

Haben Sie Fragen zu diesem Thema?

Lassen Sie uns in einem unverbindlichen Gespräch besprechen, wie wir Sie unterstützen können.

Kontakt aufnehmen