Die Migration in die Cloud ist für viele Unternehmen keine Frage des Ob mehr, sondern des Wie. Doch der Weg von On-Premise-Systemen in die Cloud ist mit Fallstricken gepflastert. Dieser Leitfaden gibt CTOs einen strukturierten Ansatz für eine erfolgreiche Cloud-Migration.
Warum Cloud-Migration? Die Business-Treiber
Bevor wir ins Wie einsteigen, sollten die Warum-Fragen geklärt sein:
Typische Treiber für Cloud-Migration
- Skalierbarkeit: Elastische Ressourcen bei schwankendem Bedarf
- Kostenoptimierung: Von CapEx zu OpEx, Pay-per-Use-Modelle
- Innovationsgeschwindigkeit: Schnellerer Zugang zu neuen Services
- Verfügbarkeit: Bessere Uptime durch redundante Infrastruktur
- Sicherheit: Professionell verwaltete Sicherheitsinfrastruktur
- Talent-Attraktion: Moderne Technologie zieht Entwickler an
Warnsignale: Wann ist Migration nicht sinnvoll?
- Legacy-Systeme mit undokumentiertem Code und Abhängigkeiten
- Strenge Compliance-Anforderungen ohne Cloud-Compliance-Lösung
- Sehr vorhersagbare, konstante Workloads ohne Skalierungsbedarf
- Geringe technische Reife im Team
Meine Empfehlung für den Mittelstand: Starten Sie nicht mit Ihrer komplexesten Legacy-Anwendung. Ein Maschinenbauer wollte direkt sein ERP-System migrieren - 200 Integrationen, undokumentierter Code. Wir begannen stattdessen mit dem Monitoring-System. Der erfolgreiche Quick Win schuf Vertrauen im Management für die größeren Projekte.
Die 6-R-Strategie: Sechs Wege in die Cloud
Amazon hat das 6-R-Modell populär gemacht, das die verschiedenen Migrationsstrategien kategorisiert:
1. Rehosting (Lift & Shift)
Was: Anwendungen 1:1 in die Cloud verschieben
Wann sinnvoll:
- Schnelle Migration erforderlich
- Begrenzte Cloud-Expertise im Team
- Legacy-Anwendungen, die nicht verändert werden können
Vorteile: Schnell, geringes Risiko, erste Cloud-Erfahrungen
Nachteile: Keine Cloud-nativen Vorteile, oft höhere Kosten
Beispiel: VM-basierte Anwendung auf EC2 oder Azure VMs migrieren
2. Replatforming (Lift & Optimize)
Was: Anwendungen mit minimalen Änderungen weiterentwickeln
Wann sinnvoll:
- Moderate Optimierungen gewünscht
- Managed Services für Komponenten nutzbar (z.B. RDS statt selbst-verwalteter DB)
Vorteile: Bessere Performance als Rehosting, überschaubarer Aufwand
Nachteile: Nicht alle Cloud-Vorteile genutzt
Beispiel: Datenbank von selbst-verwalteter MySQL zu Amazon RDS migrieren
3. Repurchasing (Replace)
Was: Bestehende Anwendung durch Cloud-native SaaS-Lösung ersetzen
Wann sinnvoll:
- Standard-Funktionalität (CRM, ERP, HR)
- Bestehende Lösung ist veraltet
- SaaS-Alternative deckt Anforderungen ab
Vorteile: Keine Wartung, immer aktuell, schnelle Einführung
Nachteile: Vendor-Lock-in, begrenzte Anpassbarkeit
Beispiel: On-Premise CRM durch Salesforce ersetzen
4. Refactoring (Re-architecting)
Was: Anwendungen für die Cloud neu designen
Wann sinnvoll:
- Maximale Cloud-Vorteile gewünscht
- Skalierbarkeit ist kritisch
- Langfristige Investition rechtfertigt Aufwand
Vorteile: Volle Cloud-Vorteile, Skalierbarkeit, Kosteneffizienz
Nachteile: Hoher Aufwand, längere Migrationsdauer
Beispiel: Monolith in Microservices mit Kubernetes umbauen
5. Retire
Was: Anwendungen abschalten
Wann sinnvoll:
- Anwendung wird nicht mehr benötigt
- Funktionalität bereits anderweitig abgedeckt
- Konsolidierung von Systemen
Beispiel: Alte Reporting-Tools nach Einführung eines BI-Systems
6. Retain
Was: Anwendungen vorerst nicht migrieren
Wann sinnvoll:
- Kürzlich getätigte Investitionen
- Extrem komplexe Abhängigkeiten
- Regulatorische Einschränkungen
Beispiel: Mainframe-System mit noch 5 Jahren Abschreibung
Der Cloud-Migrations-Prozess: 5 Phasen
Phase 1: Assessment und Planung (4-8 Wochen)
Aktivitäten:
- Applikations-Inventar erstellen
- Alle Anwendungen katalogisieren
- Abhängigkeiten dokumentieren
- Business-Kritikalität bewerten
- Technische Analyse
- Architektur und Technologie-Stack erfassen
- Datenvolumen und -flüsse analysieren
- Performance-Anforderungen dokumentieren
- Business Case entwickeln
- TCO-Vergleich On-Premise vs. Cloud
- Risiken und Mitigationsstrategien
- Timeline und Ressourcenbedarf
- Migrationsstrategie pro Anwendung
- 6-R-Zuordnung für jede Anwendung
- Priorisierung nach Komplexität und Nutzen
- Abhängigkeiten berücksichtigen
Phase 2: Proof of Concept (4-6 Wochen)
Ziele:
- Validierung der gewählten Strategie
- Team mit Cloud-Technologien vertraut machen
- Risiken früh identifizieren
Best Practices:
- Mit einer weniger kritischen Anwendung starten
- Alle Migrationsphasen einmal durchspielen
- Lessons Learned dokumentieren
Phase 3: Migration in Wellen (variabel)
Ansatz: Anwendungen in Wellen migrieren, nicht alles gleichzeitig
Welle 1: Einfache, unabhängige Anwendungen
- Geringe Komplexität
- Wenige Abhängigkeiten
- Team lernt und gewinnt Vertrauen
Welle 2: Mittlere Komplexität
- Abhängigkeiten zu Welle-1-Anwendungen
- Erste geschäftskritische Systeme
Welle 3+: Komplexe, kritische Systeme
- Core-Business-Anwendungen
- Maximale Abhängigkeiten
Phase 4: Optimierung (laufend)
Nach der Migration beginnt die eigentliche Arbeit:
- Kostenoptimierung: Right-Sizing, Reserved Instances, Spot Instances
- Performance-Tuning: Auto-Scaling konfigurieren, Caching anpassen
- Sicherheit: Cloud-native Security-Services nutzen
- Modernisierung: Schrittweise Refactoring zu Cloud-nativen Architekturen
Phase 5: Governance und Operations
Zu etablieren:
- Cloud Cost Management und Reporting
- Security- und Compliance-Monitoring
- Change Management Prozesse
- Incident Response in der Cloud
Häufige Fehler und wie Sie sie vermeiden
Fehler 1: Fehlender Business Case
Problem: Migration ohne klare ROI-Berechnung
Lösung:
- Detaillierte TCO-Analyse vor der Migration
- Klare KPIs definieren
- Regelmäßiges Tracking gegen Business Case
Fehler 2: Lift & Shift ohne Optimierung
Problem: Systeme 1:1 migrieren und wundern, dass die Cloud teurer ist
Lösung:
- Mindestens Replatforming-Potenziale prüfen
- Cloud-native Managed Services nutzen
- Nach Migration aktiv anpassen
Fehler 3: Unterschätzte Komplexität
Problem: Die Verflechtung von Systemen wird unterschätzt
Lösung:
- Gründliche Dependency-Analyse
- Application Discovery Tools einsetzen
- Puffer in der Timeline einplanen
Fehler 4: Security als Nachgedanke
Problem: Sicherheit wird erst nach der Migration adressiert
Lösung:
- Security-Anforderungen von Anfang an definieren
- Cloud Security Posture Management einführen
- Shared Responsibility Model verstehen und umsetzen
Fehler 5: Change Management vergessen
Problem: Das Team ist nicht auf die neue Welt vorbereitet
Lösung:
- Schulungen frühzeitig einplanen
- Cloud-Champions im Team aufbauen
- Prozesse anpassen (DevOps, FinOps)
Cloud-Provider-Auswahl: AWS, Azure oder GCP?
| Kriterium | AWS | Azure | GCP |
|---|---|---|---|
| Marktanteil | ~33% | ~22% | ~10% |
| Stärken | Breite Services, Reife | Microsoft-Integration, Enterprise | Daten/ML, Kubernetes |
| Ideal für | Generell, Startups | Microsoft-Shops, Enterprise | Data/AI, Modern Apps |
| Preismodell | Complex, flexibel | Einfacher, Enterprise-Deals | Transparent, aggressiv |
Empfehlung: Die meisten Workloads funktionieren auf allen Plattformen. Entscheidend sind:
- Vorhandene Expertise im Team
- Bestehende Vendor-Beziehungen
- Spezifische Service-Anforderungen
Fazit: Cloud-Migration ist ein Marathon, kein Sprint
Eine erfolgreiche Cloud-Migration erfordert sorgfältige Planung, realistische Erwartungen und kontinuierliche Optimierung. ausschlaggebend:
- Klare Strategie: Wissen, warum und wie Sie migrieren
- Schrittweises Vorgehen: In Wellen migrieren, Learnings nutzen
- Richtige Expertise: Internes Know-how aufbauen oder externe Unterstützung holen
- Langfristige Perspektive: Migration ist der Anfang, nicht das Ende
Mit der richtigen Vorbereitung und Durchführung wird die Cloud zu einem echten Wettbewerbsvorteil. Nicht nur zu einer anderen Form des Hostings.
